Was ist Risk of Ruin — und warum ist es wichtiger als die Rendite?
Die Rendite eines Handelssystems ist die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist die Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass das System sein Kapital ruiniert, bevor die Rendite überhaupt entstehen kann.
Was die Kennzahl misst
Der Risk of Ruin beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass ein Handelskonto eine vorher definierte Verlustschwelle erreicht, zum Beispiel 10, 20 oder 50 Prozent Kapitalrückgang. Er wird aus den Eigenschaften des Systems berechnet: Wie oft gewinnt es, wie viel gewinnt und verliert es je Trade, und wie viel Kapital steht bei jedem einzelnen Trade im Risiko.
Damit beantwortet die Kennzahl die Frage, die eine Renditeangabe nicht beantworten kann: Überlebt das System die schlechten Phasen, die an den Märkten sicher kommen werden?
Warum Rendite allein nichts sagt
Zwei Systeme können auf dem Papier dieselbe Rendite zeigen und trotzdem grundverschieden sein. System A erreicht sie mit kleinen Positionen und begrenzten Verlusten. System B erreicht sie mit hohem Risiko je Trade und hält Verlustpositionen offen, bis sie sich hoffentlich erholen. In guten Phasen sehen beide Kurven ähnlich aus. Der Unterschied zeigt sich erst, wenn eine längere Verlustserie kommt: System A übersteht sie, System B nicht.
Wovon der Risk of Ruin abhängt
Vier Größen bestimmen die Kennzahl: das Risiko je Trade, die Trefferquote, das Verhältnis von durchschnittlichem Gewinn zu durchschnittlichem Verlust und die Frage, ob Verluste in Serien auftreten. Der wichtigste Hebel ist das Risiko je Trade, und der Zusammenhang ist nicht linear: Wer den Einsatz je Trade verdoppelt, verdoppelt nicht sein Ruinrisiko. Er vervielfacht es.
Warum Martingale hier durchfällt
Systeme, die nach Verlusten die Position vergrößern, treiben genau die Größe nach oben, die den Risk of Ruin dominiert: das Risiko je Trade, und zwar ausgerechnet in den schlechtesten Momenten. Deshalb haben Martingale- und Grid-Systeme fast immer einen Risk of Ruin nahe der Gewissheit, ganz gleich, wie gut ihre Historie aussieht. Warum das so ist, zeigt der erste Artikel dieser Reihe.
Worauf Sie bei Anbietern achten sollten
Drei Fragen genügen. Weist der Anbieter die Kennzahl überhaupt aus? Nennt er die Verlustschwelle, auf die sie sich bezieht? Und stammt die Berechnung aus echten Live-Handelsdaten oder aus einem Backtest, der sich sein Ergebnis aussuchen konnte? Ein Anbieter, der diese Fragen offen beantwortet, hat verstanden, dass Risikokontrolle wichtiger ist als eine schöne Renditezahl. Wie wir selbst damit umgehen, steht im Aufklärungsdokument.
Dieser Artikel dient ausschließlich Bildungs- und Informationszwecken. Er stellt keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Vergangene Ergebnisse sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Entwicklungen. Der Handel mit Finanzinstrumenten birgt erhebliche Risiken bis hin zum Totalverlust.
Weiterführende Literatur: Perry J. Kaufman, „Trading Systems and Methods“ (Wiley) · Ralph Vince, „The Mathematics of Money Management“ (Wiley).
